Thesen zur Rekonstruktion der keltischen Glaubensvorstellungen 8
Theses on celtic religion   webmaster@gruenverlag.de    Thèses sur la religion des celtes
  Schwierigkeiten der
  Quellenlage

  Begriffliche Vorurteile

  Animistische Schicht

 Märchen und  Legenden als legitime Quellen

Schamanismus und Druidismus

Deistische Schicht

Themen

Anderwelt

  Polarität Tod / Mütter 

  Tod

  Dreifacher Tod

  Abgetrennter Kopf

  Köpfe an Ketten

  Kopf und Wasser

 Weitere Kopfgeschichten

  Wasser

Baum und Tod

  Wiederbelebung

Schema zum Wandel der 
Seinsformen

  Mütter

  Ahnenfigur

  Älteste Wesen

  Ursprung des Landes

  Fruchtbarkeit

 Keuschheitstest; Jungfernschaft

  Die Nährende

  Mutterschaft

Mabon  vab Genoveva

  Neues Leben

  Metempsychose

  Magische  Macht

  Souveränität

  Tod und  Mütter

  Heilfunktion

  Gott der Tiere

  Krankes  Auge

  Kranker  Arm

  Portiergeschichten

  Schweinehirt

  Schuhmacher

Weltvorstellungen

  

  Kontakt

 

 

MABON VAB GENOVEVA

1. Verschiedene in der bruchstückhaften Überlieferung verstreute Elemente verweisen auf einen Motivzusammenhang, in welchem einer Mutter ihr Kind genommen und isoliert aufgezogen wird. Hände entführen Rhiannons neugeborenen Sohn, Mabon wird von Modron weggenommen, Aoife sorgt dafür, dass die Kinder von Lyr verschwinden und allein heranwachsen, Gwydion nimmt Leu Law Gyffes von Arianrod weg und zieht ihn auf. In der irischen Tradition ist von Kindern des weißen Hundes die Rede, Cormac wurde als Kind von einer Wölfin geraubt. Schließlich sind die verbreiteten Wechselbalggeschichten, in denen ja einer Mutter das Kind weggenommen und durch einen hässlichen Elfen ausgetauscht wird, hier einzuordnen.

Lässt all dies sich als Echo der Foster-father-Sitte verstehen (welche wiederum ein fernes Echo des Matriarchats ist, wo Kinder in den Haushalt des Mutterbruders eingehen), so gibt es auch weiterführende Hinweise auf ein isoliertes Aufwachsen des Kindes: Balor will eine Tochter isoliert aufziehen lassen, Deirdre soll in Isolierung aufwachsen, die Kinder von Lyr wachsen (als Schwäne) allein auf, Mabon ist vom dritten Lebenstag an in Gefangenschaft (wie Balors Tochter in einem Turm). Rapunzel mag als Beispiel für eine außerkeltische (?) Überlieferung dieses Motivs dienen.

An dieser Stelle schließen sich also die Elemente von Gefangenschaft an: Mabon vap Modron war wie gesagt vom dritten Tag an gefangen, bis er als erwachsener Mann befreit wurde; Geir Sohn der Rigantona war Gefangener in Oeth und Anoeth. Er verbindet somit Pryderi (Sohn der Rhiannon) und erwachsenen Gefangene; Bran, Caratacus und Manawydan waren mehrere Jahre in Gefangenschaft.

Es lässt sich daraus zurückschließen auf ein Motiv, in welchem einer Mutter bei der Geburt oder in den ersten Jahren ein Kind entführt und getrennt von ihr gefangen gehalten wird. Kennzeichnendes Element ist häufig die Mutter-Kind-Beziehung (Rhiannon-Pryderi, Rigantona-Geir, Aoife-Lyrs Kinder, Arianrod-Leu Law Gyffes, Wechselbalggeschichten.-  Nicht so bei Balor, Cormac, Deirdre).

2. Es existiert ein Sagenzusammenhang, der unter dem Namen von Genoveva weit über Europa, zumindest in romanisch-sprachigen Ländern verbreitet ist. Der Name Genoveva, durchaus als keltisch anzusehen, wurde allerdings erst später damit in Verbindung gebracht. Als frühe Form wird eine bretonische Legende angeführt, in welcher die Mutter (die spätere Genoveva) Azenor heißt, ihr Sohn Golo. In den späteren Sagenformen wird der Name Golo auf die negative männliche Gestalt übertragen. Für die deutschen Fassungen ist charakteristisch: Der heuchlerische Golo verfolgt die züchtige Genoveva, während ihr Gemahl im Krieg ist. Da sie sich ihm verweigert, schlägt Golos Liebe in Hass um, und weil er die Macht des Stellvertreters hat, bringt er Genoveva in Verruf und lässt sie umbringen. Durch die Treue des Henkersknechts überlebt Genoveva jedoch und verbirgt sich in der Wildnis. Dorthin nimmt sie ihren neugeborenen Sohn mit. Er wächst isoliert von anderen Menschen auf, allein mit seiner Mutter und betreut von einer Hirschkuh. An dem Motiv der Hirschkuh, das ja im Keltischen eine große Bedeutung hat, ist bemerkenswert, dass es in der Genoveva-Geschichte ansonsten völlig funktionslos, also wohl Überrest eines früheren, nunmehr unverstandenen Motivs ist. Nicht allein die Hirschkuh, alle Tiere des Waldes kommen freudig zu Genovevas Sohn. Deuten wir dieses Erzählzug als "Herrn der Tiere", so haben wir damit neben der Hirschkuh und den Namen Genoveva und Golo ein weiteres keltisches Element.

Die Geschichte als ganze weist große Ähnlichkeit mit den Mabon/Modron-Motiven auf. Der Name Genoveva soll von der Pariser Heiligen Geneviève übernommen sein, doch gibt es außer der Tugendhaftigkeit keine weitere Übereinstimmung zwischen beiden. Hier wird nun angenommen, dass Genoveva ein alter keltischer (gallischer) Name für diese Muttergestalt ist.

Genoveva nennt ihren in der Verbannung aufwachsenden Sohn Schmerzensreich - eine unmittelbare Übersetzung von Pryderi, wenn pryder im Kymrischen Kummer bedeutet. Pryderi kann auch eine andere Form von Peredur sein, der sonst auch Perceval heißt. In der Peredur-Parcival-Geschichte von Wolfram v. Eschenbach nun heißt die Mutter Herzeloyde( = Herzeleid = Schmerzenreich).

Die Genoveva-Elemente und die Mabon vap Modron-Elemente zusammen können verschiedene Fassungen eines alten keltischen oder proto-keltischen Stoffes sein, der die Geschichte von der Entführung eines Kindes erzählt, dem die leidende Mutter nachfolgt.

3. Einen Hinweis auf die mögliche Bedeutung diese Stoffes liefert die zoologische Ethologie: Bei der Leierantilope Damaliscus (?) ist es üblich, dass männliche Tiere einem Muttertier ihr noch milchabhängiges Kalb entjagen und auf ihr eigenes Territorium treiben. Damit zwingen sie das Muttertier, dorthin zu folgen und somit in den Besitzraum des männlichen Räubers überzugehen. Bei aller Abneigung, die der Autor dieser Zeilen gegen Übertragungen aus dem Tierverhalten in menschliches Handeln hat, ist doch zu überlegen: Kann nicht eine ähnliche Sitte - nicht als tierisches Erbe, denn die die Antilopen sind allzu weit von uns entfernt, sondern als analoge Erscheinung - in alteuropäischen Zeiten zu der Entstehung der Sage von den entführten Kindern geführt haben? Als man dann die Zusammenhänge nicht mehr kannte und verstand, da entstanden daraus wie in vielen vergleichbaren Fällen verschiedene eigene Geschichten.

4. Wem das zu gewagt erscheint, der sei darauf hingewiesen, dass der Kindesmord, den der neue Ehemann an den Kindern seiner neuen Frau aus deren erster Ehe nach der Heirat begeht und von dem  Apollonios Rhodios aus der griechischen Mythologie berichtet, seine mindestens zwanzig Parallelen bei Affen, Löwen und Vögeln hat. Männliche Tiere, die einen Rivalen getötet haben und dessen Weibchen übernehmen, töten sofort alle Nachkommen ihres früheren Rivalen. 

"Bevor Klytaimnestra Agamemnon heiratete, hatte sie einen Sohn des Thyestes zum Gatten, der nach seinem Urgroßvater Tantalos benannnt wurde. Agamemnon muß in mächtiger Liebe zur Frau seines Vetters entbrannt gewesen sein.... Er schlug Tantalos tot, riß sein Kind von der Brust der Mutter, schmetterte es zu Boden und entführte mit Gewalt die junge Frau." (Kerényi 1968, II, p. 249, nach einem Bericht des Apollonios Rhodios.)

weiter bei:   Neues Leben